Briefe von Oma, Lydia geb. Walther

Diese Briefe hat meine Mutter aufbewahrt.

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Brief vom 1957-10-02

 Gorsdorf, d. 2. 10. 57

Ihr Lieben Alle Drei!

Zuerst vielen Dank für Walters langen Brief und Mutters letzten Brief. Nun sind wir wieder einmal von allem unterrichtet. Bei uns hat es auch sehr viel geregnet und der Sturm has das meiste Obst noch abgeworfen. Wie haben aber tüchtig eingekocht, denn an den vielen Regentagen hatten wir Zeit. Spätäpfel haben wir nicht viel, darum mußte man alles verwerten, ich habe auch noch welche getrocknet. Gestern habe ich die letzten Boskop gepflückt. Weil wir dies Jahr nicht liefern brauchen, reicht es ja für uns noch gut zu. Mit der Grummeternte war es ja diesmal schlecht, aber wir hatten ja das Vieh immer draußen, da brauchten wir nur 3 Fuhren zu machen, was wir so leidlich reingekriegt haben. Die Hälfte Kartoffeln haben wir raus, aber welche sind durch den vielen Regen noch zu grün. Die Ablieferungskartoffeln sind raus, das ist ja immer die Hauptsache. Auch waren sie bisher noch gut unds heil. Die anderen behalten wir dann für uns. Da müssen wir eben dämpfen, wenn sie fleckig sind. Gestern und heute war mal schönes Wetter, wenn es nur so bliebe im Oktober, denn die Rüben sollen doch auch gut rauskommen.


Brief vom 1957-10-02

Hilde geht es soweit gut. Sie macht alle Tage mit aufs Feld und verrichtet ihre Arbeit. Morgen muß sie wieder nach Wittenberg zur Untersuchung. Jetzt sind sie auch wieder vernünftig. Am Sonntag waren wir Alle außer Papa in Globig zum Erntefest. Mit meinem Besuch müßt Ihr Euch noch ein bißchen gedulden. Wollen erst mal sehen, wie wir durch den Winter kommen. Ich habe sehr abgenommen und bin eine alte Frau geworden. Aber es geht mir jetzt wieder besser. Ich habe nicht mehr soviel Schmerzen am Bein. Das muß doch irgendeine Entzündung gewesen sein und dann war es gerade mit Hildes Krankheit zusammen, und ich konnte mich doch nicht schonen, ich mußte doch. Im Winter haben wir es ja auch besser. Frieren brauchen wir nicht und zu essen haben wir, uns fehlt es ja an nichts. Wenn wir nur einigermaßen gesund sind, dann wird es schon gehen. Zuhause ist es doch für alte Menschen am besten. Die Kartons sind auch gut angekommen, es war ja kontrolliert aber alles drin. Vielen Dank für den schönen Kaffee. Friedel hatte auch Kartons geschickt. Nun können wir wieder schicken. Mit gleicher Post schicke ich wieder ein Paket mit Äpfel ab. Das sind nun schon gelagerte aus dem Keller, aber hoffentlich sind sie nicht gar zu sehr fleckig. Nun viele herzliche Grüße von uns allen

Eure Mutter

L. Walter Schicke doch wieder 2 Schachteln Aspirin, das hilft für alles, und zwei Phan[d]odorm.


Umschlag vom 1957-10-02

Adressiert waren Omas Briefe an Mutti


Brief vom 1958-11-28

 Gorsdorf, d. 28. 11. 58

Ihr Lieben Alle Drei!

Es ist schon wieder eine geraume Zeit, daß wir voneinander hörten. Hoffentlich hat doch Hilde geschrieben und die Ankunft des Paketes bestätigt. Ich danke Euch herzlich für den Kaffee, den Ihr mitgeschickt. Inzwischen habe ich wieder so allerhand Sorgen bekommen. Daß es bei uns auch wieder Familiennachwuchs gibt, werdet Ihr ja wohl wissen, denn Euch hat man es doch sicher erzählt. Ich wußte natürlich nichts, denn bei ihrem kranken Zustand [meine Tante Hilde war schwer zuckerkrank] sollte doch das nicht wieder vorkommen. Da sagte es mir Heinrichs Lina, die dachte natürlich ich wüßte es. Ich war wie aus den Wolken gefallen. Aber es hilft nichts, man muß sich eben in das Unabänderliche fügen, die Hauptsache ist, daß alles gut vorüber geht. Nun muß sie aber 6 Wochen vor der Entbindung nach Leipzig zur Behandlung und dort entbinden. Da könnt Ihr Euch denken was mir bleibt, aber der liebe Gott wird schon helfen, daß alles geschafft wird. Es ist nur gut, daß es im Winter ist, im Sommer wäre es noch schlimmer. Vom 14. Nov. bis 20. war ich mit Tante Frieda verreist. Wir waren in Querfurt bei Tante Maria zum Geburtstag. Ich wollte die ganze Verwandtschaft nochmal sehen und besuchen als Entschuldigung für unsere mißlungene Kölner Reise.


Brief vom 1958-11-28

Die Sabine ist ein hübsches Mädchen geworden und besucht die Oberschule. Sie sieht meinem Bruder Reinhold sehr ähnlich, ist auch so robust wie er. Ich habe mich gefreut über sie. Maria geht auch halbtags arbeiten und dann hat sie zwei Zimmer abvermietet, eins an einen Herrn, der zugleich ihr Chef ist und in Halle wohnt, und eins an zwei Schülerinnen von außerhalb, die im Internat keine Unterkunft hatten. Mit den Mädchen hat sie aber keine Umstände, die sind den ganzen Tag nicht da, kommen nur zum Schlafen, haben auch ihre eigenen Betten und Wäsche und fahren jeden Sonntag nachhause, auch der Herr. Es muß aber ein jeder sehen wie er durchkommt. In Merseburg waren wir auch. die Kinder sind auch groß geworden. Die Christel ist auch ein hübsches Mädchen geworden, sie ist 19 Jahre alt und hat auch einen Freund, der ist 22 Jahre. Der kleine Peter ist groß geworden, hat nun schon ausgelernt, wird nächstes Jahr Soldat werden und und nachdem die Fachschule besuchen. Da waren wir am Bußtag weil doch auch alle arbeiten gehen, sind aber auch so lebe Menschen und haben sich sehr gefreut und es war sehr gemütlich. Abends sind wir dann noch nach Renneritz gefahren, da gab es auch so viel zu erzählen. Am Donnerstag sind wir dann nachhause gefahren, und zuhause ist es auch wieder schön.

Es ist noch immer so schönes Wetter, da arbeiten wir immer noch im Garten. Habe Euch auch ein Päckchen fertig gemacht, es ist das erste Weihnachtspaket. Es ist allerdings etwas dürftig, aber es darf den Wert von 20 M nicht übersteigen. Sind auch ein paar Gurken drin, die weden wohl trocken sind, wenn sie ankommen. Ich möchte Euch ja soviel Äpfel schicken, aber leider leider. Es ist nur gut, daß wir nicht aufeinander angewiesen sind. Nun seid alle recht herzlich gegrüßt von uns allen

Eure Mutter

Es ist 11 Uhr, die andern schlafen schon alle. Alle lassen Euch herzlich grüßen. Onkel Oskar hat sich sehr gefreut über Dich, Du bist doch der Stammhalter.


Brief vom 1958-12-12

 Gorsdorf, d. 12. 12. 58

Liebe Mutter! Liebe Kinder!

Zuerst herzlichen Dank für Briefe und Pakete. Alles ist gut angekommen. Das gestrige war durchsucht, es stand aber nicht drauf, daß es kontrolliert sei. Ihr habt doch gewiß den Umschlag der Manchesterhose mit einem Klebestreifen versehen, derselbe war aufgerissen. Die Pfeffertüten kaputt, desgleichen der Kakao, auch die Keksepackung. Es war aber dank Eurer Einwicklung jeder Tüte noch beisammen aber längst nicht so sorgfältig wieder eingepackt, aber gefehlt hat jedenfalls nichts. Ihr habt wieder viel zu viel des Guten getan. Ihr hattet doch im Sommer schon so viel mitgebracht, und dann wieder geschickt. Ich esse noch immer von dem Konfekt vom Sommer. Nun habt Ihr wieder so viel geschickt, da habe ich gar nicht gebacken, mein Ofen ist noch immer nicht repariert, das dauert bei unseren Handwerkern immer zu lange. Hilde bäckt alles in ihrem Ofen, nur für mich allein fange ich im großen Ofen nicht an. Es gibt ja alles zu kaufen hier im Konsum. Ich habe mir sogar eine Stolle bestellt. Pfeffer braucht Ihr mir nicht mehr zu schicken.


Brief vom 1958-12-12

Für das diesjährige hatte ich noch auch Neugewürz[?], und ob wir noch einmal schlachten ist eine Frage der Zeit. Mit Wollsocken habt Ihr mich auch versorgt für Tag und Nacht. Und die vielen schönen andern Sachen, da habe ich ja noch lange. Die schönen gesalzenen Erdnüsse schmecken eigentlich fast besser als die Gewürzgurken. Wenn ich mal nach Jessen komme, muß ich mal sehen, ob es die nicht auch hier gibt. Ich habe in letzter Zeit des Abends vor dem Schlafengehen immer eine Mundvoll der Erdnüsse gegessen und darauf ruhiger geschlafen, oder ob das nur Einbildung ist. Unsere Rente brauchen wir nicht mehr zu holen, wir bekommen sie durch die Post zugeschickt. Ist denn die Pumpe für Hartmut eine Luftpumpe oder soll die was anderes vorstellen, die ist doch so anders. Heinrichs Vater, 88 Jahre alt, liegt jetzt seit 5 Wochen im Krankenhaus in Halle. Ihm ist das Ohr abgenommen, er hat da irgend einen Schwund und ist bestrahlt worden, aber zu Weihnachten denkt er wieder zuhause zu sein. Auch Hanisch Vater liegt seit 14 Tagen in Wittenberg im Krankenhaus zur Beobachtung. Er hat öfter Anfälle, ob es nun Gallenblase oder Magen ist. So hat ein jeder seine Sorgen. Hartmut war auch an den Halsdrüsen erkrankt, aber jetzt ist es wieder gut, er geht wieder zur Schule. Jetzt basteln beide immer so im geheimen. Sie wollen uns doch überraschen. Nun wünschen wir Euch allen ein „Gesundes und Frohes Weihnachtsfest und ein „Gesegnetes Neujahr!

Desgleichen viele herzliche Grüße von uns allen

Euer Vater und Mutter

Mit gleicher Post geht noch das dritte Paket ab


Brief vom 1959-02-03

 Gorsdorf, d. 3. 2. 59

Ihr Lieben Drei!

Herzlichen Dank für Annis lieben Brief. Ich habe jetzt sehr viel Arbeit. Seit dem 24. Jan. ist Hilde fort. Sie ist zuerst nach Leipzig gefahren, von dort aus ist sie dann am 29. Jan. Karlsburg Bez. Greifswald überwiesen. Heute haben wir den ersten ausführlichen Brief erhalten. Das ist ein Erholungsheim für Zuckerkranke und da ist auch eine Entbindungsanstalt. Da ist es sehr schön und auch lehrreich. Sie wird Euch ja selbst mal ausführlich schreiben. Paul wird heute abend auch an sie schreiben und die Geburtstagskarten mitschicken [Tante Hildes Geburtstag war am 27. Januar] und von Eurem Päckchen mitteilen. Er hat sie selbst nach Leipzig gebracht und da haben sie schon entschieden, daß sie wahrscheinlich weiterkommt und wir mußten erst die neue Adresse abwarten. Bis Ostern wird sie wohl bleiben müssen. Das ist aber ganz egal, die Hauptsache ist doch, sie kommt gesund wieder. Wir werden schon fertig, es ist nur gut, daß es jetzt ist, wo es noch nicht so ins Feld geht. Nun ist auch noch die Elke krank. Sie hatte was am Ohr und weinte viel in der Nacht. [Elke war gerade neun geworden.] Wir haben eine elektrische Sonne, da haben wir immer bestrahlt und dann ging es wieder eine Weile.


Brief vom 1959-02-03

Dann mußte wieder bestrahlt werden und dann ist es aufgegangen und wurde besser, Sie war vorher schon immer so spitz und aß wenig. Am Montag haben wir sie ordentlich eingepackt und Paul ist mit ihr nach Elster gefahren zum Arzt. Und denkt Euch, sie hatte leichte Mittelohrvereiterung und Gelbsucht. Es ist aber Gott sei Dank nur leichter Art, muß aber 6 Wochen im Bett liegen. Sie ist aber sehr fidel und schläft gut, muß aber eben sehr Diät leben. Hartmut darf aber auch nicht zur Schule gehen, weil es doch ansteckend ist, der freut sich noch mehr, daß er nicht in die Schule gehen braucht, aber Bierbaß Claudia bringt ihm immer die Schularbeiten und schiebt sie durch die Haustür, daß er wenigstens in der Übung bleibt. Ich bete jeden Morgen und jeden Abend zu meinem Gott, daß er mich gesund erhält und uns allen gnädig ist. Wenn man es mir auch nicht dankt, ich tue meine Pflicht und es wird ein jeder mal alt. Unser Papa macht sich keine Sorgen, der sitzt den ganzen Tag hinter dem Ofen und stöhnt, aber wenn das Essen nicht rechtzeitig da ist, dann ist er ungemütlich. Der ist schlimmer als ein Kind, aber man gewöhnt sich an alles und ich werde immer wieder mit Gottes Hilfe mit allem fertig. Nächsten Sonntag sind unsere Fastnachten. Ich habe mir im Konsum Kuchen bestellt. Das ist ja jetzt so einfach, dann brauch ich nicht zu backen, denn Zeit ist doch auch Geld.

Nun seid alle recht herzlich gegrüßt von uns allen.

Eure Mutter

An Hilde hat Paul nicht geshrieben, daß Elke krank ist, das regt nur auf.

An ein Kommen von mir ist vorläufig nicht zu denken, ich hatte es ja eigentlich nicht so ernst gemeint. Wollen erstmal sehen, was die Zukunft bringt. Macht Euch keine Sorgen. Ich will, ich muß und es geht.


Umschlag vom 1959-02-03

Umschlag vom 1959-02-03

Mein Vater hat seine Mutter immer sehr bewundert und viel von ihr übernommen. Mir sagt man immer nach, ich käme sehr nach meinem Opa.

In der Form „ ‚Geht nicht‘ gibt's nicht, das muß gehen – und es geht auch!“ hat mein Vater den letzten Satz oft zitiert und angewandt. Im Mai 1959 war Oma doch in Köln. Von dem Besuch gibt es eine kurze Tonbandaufnahme.


Brief vom 1959-04-26

 Gorsdorf, d. 26. 4. 59

Ihr Lieben Alle Vier!

Ich muß doch wieder einmal schreiben, die Zeit vergeht und die Herrschaften in Kottbus [damals Bezirkshauptstadt] nehmen sich Zeit. Ich glaube es wird auch diesmal nichts mit unserer Reise werden, sie werden uns wieder abweisen. Tauft nur Euern Axel, denn für Paul wird es doch sowieso nichts werden. [Onkel Paul war einer meiner vier Paten.] Die Arbeit wird immer mehr, und er kann wirklich schwer abkommen, es ist doch eine ganze Menge liegen geblieben und das muß alles nachgeholt werden. Der Heinz Jörg ist auch noch nicht getauft.


Brief vom 1959-04-26

Da sollte erst noch der Maler kommen und der hat's auch nicht so eilig. Paul hat jetzt endlich das Backhaus mal geputzt [gemeint ist verputzt, Onkel Paul war gelernter Maurer], nun soll auch das Badezimmer fertiggestellt werden. Im Felde ist auch so viel zu tun. Morgen soll erstmal Dung gefahren werden. Das Land war mit Weidgras besät und das haben die Kühe erst abgefressen. Dies Jahr ist bei uns fast trocken. Wir konnten schon zeitig säen und es war auch schon zeitig warm, aber seit einer Woche müssen wir wieder die Stube heizen. Die Bäume stehen in voller Blüte, aber die Nächte sind immer kalt und gereift. Da wird es wohl kein Obst geben. Es ist eben jedes Jahr anders.


Brief vom 1959-04-26

Die kleinen Wurzelzwiebeln sind Montbrezien, eine kleine Schilfart mit kleinen roten Blütenrispen, ähnlich den Gladiolen, nur viel kleiner, ich habe meine schon gesteckt auch die Dahlien. Ich wollte ja schon eher schreiben, aber das ganze Holz war doch noch zu hacken und da habe ich dann immer gearbeitet wenn es kühl ist, und wenn's warm ist habe ich immer in meinem Garten gearbeitet und dann hatte ich abends keine Lust zum Schreiben, und Hilde hatte wohl geschrieben. Die Bescheinigung für die Patenschaft lege ich bei. Das ist bei uns auch, das muß hier auch immer beschafft werden. Das ist für ganz Deutschland einheitlich. Unser kleiner Heinz Jörg ist sonst artig, aber wenn er Hunger hat macht er ordentlich Krach. Sollte mein Antrag wider Erwarten doch genehmigt werden, schreibe ich sofort. Kommen möchte ich ja doch ganz gern einmal. Ich würde mich dann auf der Reise eben so stark machen wie im Winter mit der vielen Arbeit. Ich hatte vom 8. Mai beantragt. Tante Maria aus Querfurt will doch zu meinem Geburtstag [am 5. Mai] kommen, und ich will ihr doch nicht abschreiben.

Viele herzliche Grüße Euch allen von uns allen

Eure Mutter

Vielen Dank für Brief und Einladung.


Umschlag vom 1959-04-26

Umschlag vom 1959-04-26


Brief vom 1959-07-19

 Gorsdorf, d. 19. 7. 59

Ihr Lieben Alle Vier!

Zuerst herzlichen Dank für die Briefe und die Pakete was alles wohlbehalten hier angekommen ist. Mutters Paket kam schon vorige Woche und das Bergersche am vorgestern. Ich wollte ja gleich schreiben, aber es bleibt immer beim Wollen. Solange ich von Köln zuhause bin, bin ich noch gar nicht richtig zur Besinnung gekommen. Zuerst die Taufe, da waren acht Paten, Bessers, Hinze, Schüttlack, Bergmanns von Selbitz, von Paul verwandt, Pinzners Renchen, Richters Hellmut und Sabine von Querfurt und dann noch Erich und Ida als Ehrengäste. Hilde hatte sich Frau Deutschmann angenommen, die hat ja die Hauptsachen gemacht. Aber der Aufwand vorher und danach, aber Hilde feiert doch gern.


Brief vom 1959-07-19

Sonst war ja alles sehr gemütlich und interessant. Dann habe ich 14 Tage halbtags auf den Mohrrüben gearbeitet und 14 Tage auf den Rüben. Es war mir alles über den Kopf gewachsen, aber es hatte auch sein Gutes, ich hatte jeden Tag einen Wagen voll Schweinefutter, das brauchen wir doch so dringend. Seit 14 Tagen gehe ich nun schon in die Runkelrüben und mache mir Blätter ab, und inzwischen haben wir Gerste gedroschen. Nun sind wir mitten in der Ernte. Haben diese Woche die Gerste, den Roggen und Hafer gebindert. Es ist fast ein Wunder, trotz der Trockenheit haben wir sehr schönes Getreide, sogar Lager zwischen, aber es hing alles nach einer Richtung und konnte einseitig gut gemäht werden. Nun ist noch der


Brief vom 1959-07-19

[...] zu mähen und wahrscheinlich noch die ersten Tage und dann kann eingefahren werden. Heute Nacht hatte es mal ein bißchen geregnet, aber nur wie gegossen. Es gibt dies Jahr wohl keinen Regen und das wird sich sicher in den Kartoffeln und Rüben auswirken. Vorläufig sehen sie noch gut aus, aber wenn die Hitze so bleibt wird doch auch das Grünzeug welk. Grummet gibt es dies Jahr nicht. Die Wiesen sind angetrocknet und unser Garten ist ganz grau. Da wird es wohl kein Obst geben. Die Klaräpfel sind alle abgefallen und wir haben ausgeschnitten und eingekocht. Am Freitag wollte ich welche pflücken um Euch ein paar zu schicken, und da mußte ich feststellen, daß keine mehr dran sind. Einen Kartoffelkorb voll habe ich noch bekommen, das ist alles. Nun habe ich die besten rausgesucht, sie sind nämlich sehr klein geblieben, und habe Euch ein paar eingepackt.


Brief vom 1959-07-19

Habe sie in ein Tafeltuch eingepackt. Das paßt zu den Servietten. Wenn Ihr es in die Wäsche gebt und es geht mit durch die Heißmangel wird es sicher auch wieder schön. Für die Hilde bleibt doch noch genug. Mit den Gurken steht es auch schlecht. Haben nur paarmal Gurkensalat gehabt, zum Einlegen wird es wohl keine geben, wenn es nicht bald mal richtig regnet. Auch die Tomaten sind sehr klein, haben schon etliche reife gehabt. Daran sind viele. Wie ist es bei Euch damit. Ihr gießt doch immer, was wir ja nicht können. Der Kohl ist bei uns auch sehr befallen. Habe mal gestäubt mit Geserol, es scheint ja etwas geholfen zu haben. Weißkohl hatten wir schönen, aber jetzt platzt er auf. Die Bohnen sind gut und Zwiebeln gehen auch. Vor 14 Tagen, die vorletzte Woche, haben wir Beeren gepflückt und verwertet.


Brief vom 1959-07-19

Haben viel eingekocht und Marmelade gemacht. 4 Eimer voll haben wir in die Mosterei gegeben, auch einen halben Ctr Rhabarber. Man muß dies Jahr alles ausnutzen. Vorige Woche haben wir Kirschen gepflückt und eingekocht. Hier vergeht eine Woche wie nichts. Am vorigen Sonntag war ich mit Ida (Erichs Frau) in Globig und haben nachträglich Tante Friedas Geburtstag gefeiert. Wir wollten Sonntag zuvor rüber, und als wir gerade fort wollten kommen Gerhard und Irmgard mit einer Tochter und die Eltern aus Renneritz zum Hofe reingefahren mit dem Auto. Die Kyhnaer haben jetzt auch eins. Da war die Freude groß. Ich habe für Mittagbrot gesorgt und Hilde für Kaffee und Kuchen, was ihr nicht schwer fiel, weil gerade Hartmut Geburtstag hatte. Es war ein sehr gemütlicher Sonntag. Sie lassen Euch alle herzlich grüßen. Unser Hartmut ist seit Dienstag in Schweinitz im Schwimmlager auf 14 Tage. Heute waren Paul, Hilde und Elke dort und haben ihn besucht. Er war ganz fidel. Hat sich schon frei geschwommen. Hat auch aus der Schule ein sehr gutes Zeugnis gebracht. Auch Elke ist wieder mit versetzt. Und nun zu unserem Jüngsten. Heute mußte ich ihn betreuen, da die anderen alle fort waren. Er ist ja auch ein liebes Kerlchen. Jetzt wird er schon zu drollig. Nur hat er wohl schon mit den Zähnen zu tun und weint manchmal recht tüchtig, da muß man ihn dann mal rausnehmen und ein bißchen tragen, bis er sich


Brief vom 1959-07-19

wieder beruhigt hat. sonst ist er friedlich und macht sich was vor. Mit der Kugelkette spielt er gar gern und zerrt manchmal daran, daß man denkt, er reißt sie kaputt. Er richtet sich schon immer auf, und wenn man ihn ein wenig an den Händchen packt, dann sitzt er gleich. Wir lassen ihn schon mal ein Weilchen sitzen, ein Kissen in Rückwand am Wagen und schon sitzt er. Man kann gar nicht glauben, wie sich so'n Kindchen rausmacht. Eurer macht es doch bestimmt auch so. Wenn er satt und sauber ist, muß ihn Opa immer bekommen, denn er schläft nicht mehr so viel, und will da jemand um sich haben. Jetzt sind ja Ferien und Elke macht schon das notwendigste mit ihm, aber sie will doch auch mal bißchen fortgehen, und da muß dann Opa kommen. Er brummelt ja auch immer, aber was will er denn machen, wenn er laut wird kommt er ja doch zu ihm.


Brief vom 1959-07-19

Ich habe doch auch immmer anderes zu tun und es ist Ernte. Da muß eben jeder ran. Die Bilder, die Ihr geschickt habt, sind ja sehr schön. Gebt nur Wohts auch welche, denn Günter schrieb nämlich und bedauert immer wieder, daß er von mir keine Aufnahmen machen konnte. Der arme Günter. Hoffentlich wird er wieder gesund. Jetzt kriegt er noch seinen Urlaub. Er schrieb, er hätte im Stillen gehofft, Anni würde nochmal mit mir kommen. Ich habe ihm geschrieben, Anni wollte schon mit mir fahren, aber ich wollte sie nicht alle unnütz aufregen. Auch Freude kann dem Menschen schaden, ich weiß es von mir, wenn ich infolge dessen manchmal nicht schlafen kann. Nun habe ich Euch wieder einmal von allem unterrichtet.

Schreibt Ihr nun auch mal von Eurem Garten und Eurem Axel.

Mich interessiert alles. Ich kenn doch nun Eure Wirtschaft und bin oft in Gedanken bei Euch. Es war ja doch so schön.

Liebe Mutter! Dein Seifenpaket steht noch unberührt. Wir wollen erstmal Zeit gewinnen, und dann in Ruhe alles ausprobieren. Jetzt ist Hochbetrieb bei uns. Vielen, vielen Dank.

Sollten die Äpfel nicht schmecken, macht Ihr Kompott, da schmecken sie sehr gut.

Hilde hatte von Heinz Jörg auch verschiedene Aufnahmen gemacht, aber sie waren alle verschwommen. Wenn erst wieder etwas Ruhe ist, wird sie es wieder versuchen.

Sobald Hartmut zuhause ist, wird er sich selbst für das Paket bedanken. Viele herzliche Grüße von uns allen an Euch alle

Eure Mutter


Brief vom 1959-08-23

 Gorsdorf, d. 23. 8. 59

Ihr Lieben Alle Vier!

Vielen Dank für Eure lieben Briefe. Es wird wohl Zeit wieder einmal zu melden. Seit 14 Tagen ist die Ernte unter Dach und Fach. Diese Woche haben wir das letzte zur Ablieferung gedroschen. Wir haben dies Jahr eine selten gute Ernte. Sonst war die Scheune nach der Sollablieferung fast ausgedroschen. Dies Jahr haben wir noch schön übrig. Hier hat es vor 14 Tagen ausgiebig geregnet, nun können auch die Kartoffeln und Rüben gut werden. Jetzt ist man beim Frühkartoffeln Ausmachen. Wir wollen am Donnerstag mal lesen.


Brief vom 1959-08-23

Grummet gibt aber bei uns nicht. Auf der Hutung haben wir gehäckt[?] und die Elsterwiesen stehen wieder unter Wasser. Mein Rosenkohl, den ich von Euch mitgenommen, war so sehr voll Ungeziefer. Da hab ich mit Geserol gestäubt und jetzt nach dem Regen ist er so gewachsen. Der wird noch gut. Gestern habe ich Raps gesät. Das ist unser Spinat im Herbst und zeitigen Frühjahr. Der hat den Vorteil, daß er immer wieder nachwächst, wenn man ihn abschneidet. Ihr seid jetzt sicher beim Pflaumenernten. Wir haben diese Woche auch eingekocht, aber sehr wenig. Wir haben ja nur noch ein paar Bäume und die sind auch schon dem Ende nahe. Wir haben aber viel Apfel eingekocht, aber nur Falläpfel, auch die roten sind zum größten Teil runtergefallen. Will mal sehen, ob ich diese Woche noch ein paar pflücken kann, dann schicke ich Euch die Kostprobe.


Brief vom 1959-08-23

Liebe Kinder hebt Eure Reise nach Godesberg [Familie Woht] nicht so lange auf. Denkt daran, wenn es Euch so ginge, müßtet Ihr auch Zeit haben. Die würden sich sicher sehr freuen. Ich mache mir ernstlich Sorge um Günter. Sein Vater ist auch nicht alt geworden. Am 3. Sept. hat er übrigens Geburtstag. Ich bin in Gedanken oft bei Euch und in Eurem Garten. Wie haben denn Eure Lupinen geblüht, gelb oder blau? Die sahen doch anders aus als bei uns; und wie war die Brombeerernte? Tomaten haben wir auch wieder genug. Wir essen jetzt meistens Tomaten und kochen ein. Und was macht der Axel? Unser kleiner Rüpsack sitzt schon frühmorgens um 6 in seinem Wagen im Hof und guckt nach den Hühnern. Schlafen tut er nur noch wenig, aber nachts schläft er gut. In der Küche sitzt er schon immer in seinem Stuhl und fegt das Spielzeug runter, was nicht angebunden ist. Am Tage muß ihn immer der Opa hüten, wenn er sauber und satt ist. Man müßte so mal die beiden nebeneinander haben, ich stelle mich Euren auch immer so lebhaft vor. Schade, daß Ihr so weit entfernt seid. Liebe Mutter, wolltest Du nicht im August nach Berlin fahren? Hoffentlich bist Du nicht krank. Ich denke ja so oft an Euch und mache mir meine Gedanken. Nun bleibt alle recht gesund und seid alle recht herzlich gegrüßt von uns allen

Eure Mutter


Brief vom 1959-10-15

 Gorsdorf, d. 15. 10. 59

Ihr Lieben Alle Vier!

Zuerst vielen Dank für Eure Briefe. Ich wollte ja schon lange schreiben, aber ich bekam immer wieder keinen Anfang. Wir sind nämlich seit 3 Wochen in der L.P.G. Mit dem Frühjahr geht das nun schon darauf hin, nun hat man's geschafft. Vorläufig sind nun erst Bindrichs Gerda, Bierbaß Otto und Richters, und zwar Typ I. Ernten und säen müssen wir jetzt noch, aber zum Frühjahr geht's gemeinsam. Jetzt haben wir jedoch noch viele Vorteile. Unser Soll hatten wir in allem schon erfüllt bis auf Zuckerrüben. Da sind wir jetzt bei. Heute haben sie sie rausgepflügt von der Maas[?]. Es ist doch zu trocken in diesem Jahr. Das ganze Feld ist eine Staubwolke. Sowas weiß man noch gar nicht. Und trotzdem haben wir in allem nur gute Ernte. Auch die Kartoffeln und Rüben sind gut. Auch Selbitz ist das ganze Dorf drin und die Lebiener sind auch dabei und Edmund Uhde in Klossa, unsere ganze Verwandtschaft. Man läßt ja keine Ruhe, bis man alles beisammen hat. Bei uns ist ja eigentlich Hildes Krankheit maßgebend. Sie soll überhaupt nicht schwer arbeiten und soll dann ins Büro. Ich habe mich ja auch schon längst damit abgefunden, aber weh tut es doch.


Brief vom 1959-10-15

Ich habe diesen Sommer sehr viel gearbeitet, aber ich kann's ja auch nicht halten, und die jungen tut es nicht weh. Wundern werden sie sich natürlich doch, dann sind sie gebunden und müssen immer pünktlich sein. Jetzt verlese ich nachmittags immer Kartoffeln auf den Langestücken im Stall. Da haben sie einen Haufen rein geschüttet und da lesen wir noch 50 Ctr raus als Gegenlieferung für Saatkartoffel, und die andern kommen wieder auf einen Haufen zum Eindämpfen. Wenn wir soweit sind, holen wir sie und dann werden sie gleich vom Wagen gedämpft. Diese Woche und die andere haben wir noch zu tun, ehe alles raus komt. Unser kleiner Heinz Jörg hat auch zwei Zähnchen aber unten, auch erst jetzt bekommen. Augenblicklich ist er verschnupft und hustet etwas,


Brief vom 1959-10-15

schläft aber jetzt viel gegen früher. Wenn er mich sieht, freut er sich immer sehr und ich muß ihn dann erstmal hochnehmen, aber er ist auch zufrieden, wenn ich ihn dann wieder reinsetze und gebe ihm etwas zu spielen. Über Euren Rotkohl bin ich ganz erstaunt. So schön ist unser nicht. Ich habe aber auch erst nachdem noch zwei Schock ins Feld gepflanzt, es ist ja trotz aller Dürre recht gut gewachsen aber gibt nicht viel her, aber schöne rote Rüben haben wir, die müssen wir dann anstelle essen. Steinobst haben wir in diesem Jahr gar nicht, aber viel eingekocht haben wir vom Fallobst. Ich esse jeden Tag wohl ein Pfund geschmorte Äpfel und die bekommen mir so gut, ich kann doch wieder so gut laufen.

Nun seid alle recht herzlich gegrüßt von uns allen

Eure Mutter

Die andern schlafen schon alle. Es ging heute sehr hastig. Wenn erst alles fertig ist und ich mehr Ruhe habe, schreibe ich mehr.


Brief vom 1959-11-01

 Gorsdorf, d. 1. 11. 59

Ihr Lieben Alle!

Heute ist hier Kirmeß. Ich kann wieder nicht schlafen und bin wieder aufgestanden. Hilde war diese Woche ein paar Tage krank. Gestern und heute ist sie wieder aufgestanden und besorgt ihre Wirtschaft. Ich dachte, Tante Frieda würde heute kommen. Die war sonst zur Kirmeß immer hier. Hoffentlich ist sie nicht krank. Ich war am Montag in Jessen. Da habe ich für die kleinen Jungen je einen Trainingsanzug gekauft. Es sollte Weihnachtsgeschenk sein. Nun haben wir Heinz Jörg mal reingesteckt und der ist gar nicht mehr viel zu groß. Da habe ich nachmittag den andern eingepackt für Axel.


Brief vom 1959-11-01

Sollen sie schon anziehen wenn sie mal raus müssen. Eigentlich hatte ich gedacht, wenn sie anfangen zu kriechen und für den Garten im Frühjahr, aber dann sind sie vielleicht schon zu klein. Sonst sind wir soweit fertig, nur die Mohrrüben sind noch drin. Die Rote Rüben liegen noch ein Teil auf der Scheune. Weil Hilde krank war, konnte ich nicht helfen abschneiden und Papa hat sich nun die ganze Woche allein mit rumgeärgert, aber morgen werden sie fertig, dann können wir die Mohrrüben holen. Nun hat es aber bei uns tüchtig geregnet, 2 Tage lang, nun kann wenigstens die Saat aufgehen. Bisher war es ja zu trocken. Unser Steppke richtet sich schon allein auf seit einigen Tagen, und wenn man ihn raus nimmt, dann steht er gleich.


Brief vom 1959-11-01

Das wird der Axel auch machen. Heute war ich drüben und frug nach irgendwas, und wollte gleich wieder gehen. Da fing er doch an zu winseln. Ich mußte ihn erstmal rausnehmen und dann freut er sich. Er ist aber auch zufrieden, wenn man ihn dann wieder reinsetzt. Ich habe mir eine elektrische Backröhre gekauft, die im Herd war doch kaputt, und mit dem Reparieren ist nichts geworden. Aber sie funktioniert gut und ich freue mich, daß ich wieder Kuchen backen kann. Die Kinder hatten nochmal eine Woche Ferien. Da mußte Hartmut jeden Tag 4 Stunden in der L.P.G. Kartoffeln lesen und dafür eine Bescheinigung bringen. Es war aber gut, nun konnte er in unserer mit seiner Mutti lesen.

Vorläufig haben wir die ganze Arbeit noch, aber es wird doch mal alles eins werden. Am Montag traf ich Kettmanns Herta in Jessen. Sie sind jetzt in Stedten bei Oberröblingen, nun ist es nicht mehr so weit. Sie läßt Euch schön grüßen.

Seid nun alle recht herzlich gegrüßt von uns allen

Eure Mutter


Brief vom 1959-11-01

Das nächste Mal schreibe ich an Mutter.


Brief vom 1960-01-17

 Gorsdorf, d. 17. 1. 60

Ihr Lieben Alle Vier!

Hoffentlich sind die Geburtstagspäckchen gut angekommen. [18. und 25. Januar waren die Geburtstage meiner Eltern.] Die Lupinen habe ich von Bierbaß Otto erhalten. Sie sind aber schon älteren Jahrgangs. Vielleicht steckst Du mal etliche im Blumentopf versuchsweise, wieviel davon aufgehen, lieber Walter. Sollten sehr wenige aufgehen, würde ich nochmal versuchen, irgendwo welche aufzutreiben. Sobald der Frost vorüber ist, werden wir noch einige Weinstecklinge und Wurzelnstöcke wie Forsythien, Haselnuß und Pfirsiche schicken. Die Pfirsiche sind zwar wilde, aber zum Einkochen vorzüglich.

Im Herbst 1959 hatten meine Eltern das Baugrundstück in Heide bei Odenthal gekauft. Offenbar konnte es mein Vater nicht abwarten, sofort mit dem Anlegen des eigenen Gartens anzufangen.


Brief vom 1960-01-17

Bei uns ist jetzt richtiger Winter geworden. Einige Tage wollten die Fenster gar nicht abtauen, aber jetzt ist es wieder etwas milder geworden. die Kinder gehen wieder Schlitten fahren und Schlittschuhe laufen und Hartmut kraxelt auf den Skiern. Euer Axel ist aber jetzt unserm Heinz Jörg voraus. Unser Bubi war längere Zeit nicht auf dem Posten, hatte Husten und Schnupfen. Er kann noch nicht allein aufstehen. er versucht es zwar, aber die Beinchen sind noch zu schwach, und wenn er auf dem Fußboden sitzt, kriecht er rückwärts. Liebe Mutter, unser herzlichstes Beileid zum Heimgang Deiner Schwester. Sie ist ja nun von allem Erdenleid erlöst, aber für die Angehörigen ist doch eine Lücke entstanden und es bleibt nur die Erinnerung.


Brief vom 1960-01-17

In Globig ist es nun still geworden, nachdem Onkel Otto die Augen geschlossen hat hat. Er hat Tante Frieda und Ehrhard noch viel zu schaffen gemacht, nachdem Ehrhard in die L.P.G. eingetreten ist. Er war noch in Wittenberg beim Rechtsanwalt und wollte Ehrhard enterben, und man hat ihm dort versichert, daß man ihm zu seinem Recht verhelfen wird, und mit diesem Trost ist er gestorben. Er hat es noch sehr schwer gehabt, hatte Unterleibskrebs. Vater Schrottke[?] ist vor Weihnachten auch gestorben. So geht einer nach dem andern. Von Wohts erhielten wir vor Weihnachten einen Brief. Günter geht es wieder gut. Ich hatte Sorge um ihn. Hilde Woht hat am 27. Jan. auch Geburtstag, da muß ich auch schreiben. Unsere Elke ist aber stolz auf ihren schönen Rock und die schöne Strumpfhose. Tante Anni schenkt mir immer so was schönes, sagt sie heute. Das Sommerkleid wird ihr dies Jahr noch passen, sie hat es voriges Jahr auch schon angehabt, da hat es Hilde etwas verküzt. Nun sind wir schon wieder so weit im Januar, die Zeit vergeht doch so schnell. Nun sind bald wieder Fastnachten und dann fängt die Arbeit schon wieder draußen an.

Nun seid alle recht herzlich gegrüßt von uns allen

Eure Mutter


Brief vom 1961-02-21

 Gorsdorf, d. 21. 2. 61

Ihr Lieben Alle!

Vielen Dank für Eure lieben Briefe. Nun sind schon wieder fast zwei Monate vergangen vom neuen Jahr. Vom Winter hat man nicht viel gemerkt. Eine Woche sind die Kinder Schlittschuh gelaufen und eine halbe Woche Schlitten gefahren. Dann war alles vorbei. Wir hatten schon wieder sehr großes Wasser, es stand schon halb auf der Straße, dann ging es aber zurück. Und die Tage mit Sonnenschein waren sehr wenige, immer trübe und diesig. Was wird uns dies Jahr bringen? Es soll immer mehr erzeugt werden, wenn aber die Witterung versagt ist alle Mühe umsonst. Auf dem Acker steht schon jetzt stellenweise das Wasser blank, was sollen wir da wohl ernten? Jetzt sind wir beim Holzmachen. Ich habe schon eine ganze Menge gehackt, aber es will nicht mehr so recht gehen, ich mache nur immer mal eine Stunde. In der Genossenschaft ist seit einer Woche Pause, weil doch der Acker zu naß ist und das Dreschen ist fertig. Hilde macht seit Sonnabend krank, wohl Grippe. Es ist ja nicht so schlimm, aber für mich gibt es da wieder eine Menge zusätzliche Arbeit. Aber die Kinder haben 14 Tage Ferien und da kann Elke wenigstens zeitweise den Kleinen behalten. Unsere Frau Walter oben ist auch gestorben. Sie ist


Brief vom 1961-02-21

am Tag vor Weihnachten gesund zu ihrer Familie in die Siedlung gegangen und nicht wieder zurückgekommen. Am Heiligabend bekam sie einen Herzanfall und am 1. Feiertag wieder, darauf kam sie ins Krankenhaus und am Montag ist sie beerdigt worden. Sie war auch schon 81 Jahre alt, aber immer noch sehr lebhaft und rüstig. Unsere Brücke soll nun auch wieder gebaut werden. Vorige Woche haben sie schon die Baracken gebracht. Hier ist jetzt das reinste Frühlingswetter. Die Schneeglöckchen blühen und die Tulpen sind auch schon raus. Aber das bleibt doch nicht so und wird in vielen Sachen zum Schaden sein. Ich muß Euch noch von unserer großen Erbschaft berichten. Noch vor Weihnachten haben wir das Geld erhalten, es waren noch 600 Mark.


Brief vom 1961-02-21

Das andere ging ab für Unkosten. Dann haben wir Richters 200, jedem einzeln 40 M zu Weihnachten geschenkt. Für Euch will ich mal in Jessen was kaufen, und wenn Ihr mal kommt, zieht Ihr an. Schreibt doch mal bitte, was Ihr brauchen könnt und dazu die Nummern, denn es ist doch bei uns alles zu unsicher. Es ist nicht viel, aber besser als nichts. Für uns sparen hat keinen Zweck, wir haben war wir brauchen. Mit gleicher Post geht ein Päckchen ab für Klein Axel. Ich möchte Euch ja viel lieber mal ein Schlachtepaket schicken, aber es ist doch zu riskant. Entbehren könnten wir es schon. Wir wollen erst nächste Woche schlachten, weil wir immer noch hatten, trotzdem ja die Kinder uns auch halfen. Der Kleine ißt zum großen Teil mit uns und die großen kommen auch zum Abendbrot nach einer Stulle, weil die doch später essen.

Ich will für heute schließen, die andern schlafen schon alle. Am Tage habe ich doch keine Ruhe dabei. Ich gehe jetzt öfter Fernsehen, wenn was Lustiges ist rufen mich die Kinder. Nun seid alle recht herzlich gegrüßt von uns allen

Eure Mutter

Heute ist auch Euer Päckchen für Elke und Heinz ankekommen. Hilde wird ja selbst schreiben.


Umschlag vom 1961-02-21

Umschlag vom 1961-02-21


Brief vom 1961-08-10

 Gorsdorf, d. 10 8. 61

Ihr Lieben Alle!

Heute ist der vierte Tag, daß ich wieder zuhause bin und ich muß mich mal zusammenraffen um Euch zu schreiben. Ich bin immer noch sehr schwach und muß immer wieder ins Bett. So schlimm habe ich aber noch keine Operation empfunden wie diese. Ich bin durch die Hölle gegangen im wahrsten Sinne des Wortes. 3 Tage lang furchtbare Schmerzen, dazu brennender Durst und Hunger. Es ist gewiß das Alter. Das möchte ich nicht noch einmal durchmachen. Ich hatte gar keine Angst und war so ruhig als ich fortmußte, es war doch nicht das erste Mal. Nun mußte ich aber 8 Tage warten, ehe ich so weit war. Ich bekam Schonkost, fast nichts zu essen, und jeden Tag eine Spritze fürs Herz und dann bekam ich drei Tage zu essen und dann wieder nichts. Aber ich habe mit Gottes Hilfe alles überstanden und hoffentlich wird es noch mal einigermaßen. Ich hatte ja Schreibpapier mitgenommen, aber nun mußte ich so lange warten und ich wollte Euch doch nicht unnötig beunruhigen. Nun wart Ihr erst in Euer Haus eingezogen und ich wollte doch Eure Freude nicht stören. Wir sind ja in dem Alter, wo man doch jeder Zeit damit rechnen muß, daß das Leben ein Ende hat. Das ist der Lauf der Welt. Und Tante Frieda war auch da im Krankenhaus. Sie war aber schon 14 Tage früher da. Auch sie hat es hart angefaßt. Sie hatte nasse Rippenfellentzündung. Aber es geht ihr jetzt besser und wird vielleicht auch nächste Woche rauskommen, aber sie muß sich auch sehr in acht nehmen. Sie wird zuerst zu Traude übersiedeln. Da hat sie sich doch ein Zimmer eingerichtet, damit sie die Arbeit nicht sieht. Sie hat aber auch tapfer ausgehalten. Zuhause ist es doch viel angenehmer und hier vergeht auch


Brief vom 1961-08-10

die Zeit viel schneller als im Krankenhaus, ein Tag wird zur Ewigkeit und dann die langen schlaflosen Nächte. Hier zuhause ist alles ganz anders. Ich kann ja nun alles essen. Und was ich Appetit habe, das mache ich mir. Wir haben ja alles hier und Butter und Milch, das ist zuerst die Hauptsache. Heute war Hilde in Jessen und da habe ich lassen Bockwürste mitbringen, da gibt es morgen Kartoffelsalat und Bockwurst wie ihn Mutter immer machte, als ich damals bei Euch war. Dann schlachten wir mal ein Hühnchen und das viele schöne Gemüse im Garten. Ich war ganz erstaunt, als ich das erste Mal im Garten war, wie das alles in den 4 Wochen gewachsen ist. Gurken gibt es ja sehr wenig in diesem Jahr und dann sind sie auch bitter. Dafür gibt es aber schönen Kohl und Bohnen und rote Rüben und Mohrrüben. Tomaten sind auch viel dran aber die Sonne fehlt und sind noch keine reif. Obst gibt es dies Jahr nicht viel, aber für uns haben wir auch. Manche Bäume haben voriges Jahr nicht getragen. Pflaumen und Pfirsiche gibt es auch und es ist schon eine Freude, wenn man das im Garten sieht. Trotz des ungünstigen Wetters ist die Ernte gut vorangekommen. Das meiste ist abgemäht und auch schon viel eingebracht und gedroschen. Auch viel Grummet ist auf der Hutung gewachsen. Hoffentlich kommt mal gutes Wetter, daß es trocken reinkommt. Am Sonntag war Else hier mit der Familie und hat erzählt, daß sie bei Euch war. Schade, daß ich noch nicht zuhause war, ich hätte doch vieles gefragt. Sie werden ja mal wieder kommen. Der Schwiegersohn hat auch ein Auto. Nun will ich für heute schließen.

Ich wünsche Euch alles alles Gute für Euer neues Heim und daß Ihr alle weiterhin recht gesund bleibt.

Viele herzliche Grüße von uns allen

Eure Mutter


Umschlag vom 1961-08-10

Umschlag vom 1961-08-10

Zweieinhalb Monate später im Oktober ist meine Oma gestorben. Meine Eltern wollten die letzte Zeit bei Ihr sein, mußten dann aber doch vorher wieder abreisen.

Von dem Besuch stammt meine älteste Erinnerung im Alter von zweieinahlb Jahren. Ich stieg mit meinem Vater eine enge Treppe hoch, ging durch einen dunklen Gang zur Tür eines Zimmers, in dem eine alte Frau im Bett lag, mich ansah, und sagte: „Na mein kleener“.


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